Bedingt Angriffsbereit

Es ist Fasching, da kommen die Kamelle wieder raus. Eine Woche vor Rosenmontag hat der Spiegel hat eine besonders olle Kamelle wieder ausgepackt. Mit seiner neuen Ausgabe 09/2011will sich der Spiegel ganz deutlich gegen die Bild-Zeitung positionieren. „Brandstifter“ wirft der Titel des Nachrichtenmagazins der Bild vor. Die kann sich schon seit Tagen kaum retten vor lauter Fremd-PR für ihre Marke und darf sich auch beim Spiegel für einen uninspirierten Aufmerksamkeit-bringenden Angriff bedanken.

Es ist wieder schick, die Bild-Zeitung zu hassen. Die Hälfte des Landes (die Hälfte, die keine Bild liest oder die Bild zumindest nicht mag) scheint sich diese Woche kollektiv auf die Bild eingeschossen zu haben. Vor allem das Verhältnis von Verteidigungsminister zur CDU-Hauszeitung sorgt mit einigen legitimes Fragen für Ärger:

Ist Guttenbergs Verwandter tatsächlich stellvertretender Chef vom Dienst bei der Bild-Bundesausgabe? Warum schaltet das Verteidigungsministerium angeblich bald eine große Anzeigenkampagne nur in Titeln des Springer-Verlags? Warum schmeißt sich die Bild-Zeitung in der Plagiatsaffäre so offensichtlich schützend vor Guttenberg? Und dann war da noch der zumindest ansatzweise kritische Brief von Judith Holofernes von Wir sind Helden, in dem sie zur Bild sagt: Ich glaub, es hackt… Der Brief wurde bei Bild-Blog inzwischen über 50.000 Mal geliked und hat die Server der Wir sind Helden-Homepage zwischendurch in die Knie gezwungen.

Kalkuliert wirkender Angriff aus Hamburg

Da passt es ja prima, dass der Spiegel diese Woche auch mal wieder gegen die Bild-Zeitung schießt. Die Hamburger ziehen einen klaren Graben. Weiß gegen schwarz. Der ehrliche neutrale usw. Spiegel gegen die böse Agenda-Settende-Rechts-Propaganda-Maschine Bild.

Für den Spiegel dürfte der neue Titel vor allem ein kalkulierter Move sein, um das eigene ausgefaserte Profil wieder etwas zu schärfen. Wenn in Deutschland in letzter Zeit jemand mit Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht, dann leider die Bild-Zeitung. Und wie kann man sich als seriöses Nachrichtenmagazin, das um seinen Ruf als ebensolches fürchtet und manchmal selbst in den Boulevard abzurutschen droht, besser im Medienmarkt positionieren, als gegen die Bild-Zeitung zu stehen? Also greift der Spiegel geschickt eine Stimmung auf (das konnten sie in Hamburg ja schon immer am besten).

Im Spiegel nichts Neues

Der ganze Angriff auf die Bild gelingt dem Spiegel aber nicht so recht. Alles wirkt irgendwie zu sehr kalkuliert und berechnend – Eigenschaften, die der Spiegel ja eigentlich der Bild vorwerfen will. Die „Brandstifter“-Titel-Geschichte bringt nichts Neues, bleibt uninspiriert und ist auch sonst kein großer Wurf wie an anderer Stelle schon treffend aufgezählt wird:

„Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff“

Und das ärgerlichste: Der Spiegel-Text bedient sich teilweise fast ähnlicher Muster wie der von ihm selbst kritisierte „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Stil der Bild-Zeitung und stilisiert sich als „Endlich sagt mal wieder jemand ganz ehrlich, wie die Bild wirklich tickt“-Märtyrer.

Schade eigentlich

Ich finde es wichtig, dass wieder mehr über die vermeintliche Deutungshoheit und die Scheinheiligkeit der Bild-Zeitung geredet wird. Die Bild verfolgt eine eigene Agenda. Das kann tatsächlich in vielen Fällen ein Problem sein. Und by the way: Wer ernsthaft Artikel wie „Alien-Sex, das letzte Tabu der Ufo-Forschung“ veröffentlicht, wie Bild.de, muss dringend kontrolliert und hinterfragt werden. Ganz viele andere gute Beispiele für die Maschen der Bild finden sich ja auch im neuen Spiegel Aufmacher. Zumindest diese Aufzählung leistet der Text prima.

Doch der Angriff ist dem Spiegel leider so wenig gelungen wie Judith Holofernes mit ihrem offenen Brief. Den Holofernes-Brief druckt die Bild als Anzeige für ihre Marke am Montag ausgerechnet in der taz ab. 1-0 für die Bild-Zeitung. Leider.

Zumindest wird diskutiert

Grundsätzlich freue ich mich darüber, dass ein paar Leute offensichtlich das Bild-Blog in seinem Kampf gegen die Bild-Zeitung unterstützen wollen. Danke, Judith Holofernes. Danke, Spiegel. Doch wenn der Spiegel die Bild-Zeitung wieder einmal attackieren will, sollte das etwas inspirierter eingefädelt werden.

Zumindest wird wieder mehr über die Rolle der Bild-Zeitung diskutiert. Das wurde auch höchste Zeit.

Ein paar Ausschnitte aus der Diskussion:

Die taz interviewt Judith Holofernes

Frühere und aktuelle Bild-Blogger melden sich zu Wort

Der Pottblog ist auch vom Spiegel enttäuscht

Robin Meyer-Lucht diskutiert die neu entfachte Spiegel-Bild-Feindschaft bei Carta

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3 Kommentare on “Bedingt Angriffsbereit”

  1. Jeeves sagt:

    „1-0 für die Bild-Zeitung. Leider.“
    .
    Ja, leider. Das hätte nicht sein müssen, wenn die taz-Buchhalter nicht so sehr auf die Silberlinge (12 Tausend) schauen würden.


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