Ein leeres Studium zum Nicht-Experten?

Foto: flickr.com//Deutsche Bank AG

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Einmal war ich bisher auf dem Arbeitsamt – zur Studienberatung. Der Berater hat mir vorgejubelt, ich soll unbedingt in Leipzig Journalistik studieren. Ich habe mich dann doch für Germanistik/Journalistik in Bamberg entschieden. Die Journalistenausbildung an der Leipziger Uni wird aber gut gemacht und hat einen guten Ruf. Jetzt will die Uni Leipzig ihre Journalistik anscheinend in Richtung PR umbauen. Journalisten wundern sich.

Ich wundere mich auch: Was läuft mit der Journalistenausbildung an deutschen Unis falsch? Ist ein Journalistik-Studium einfach Quatsch?

Praktisch angelegte Journalistik-Studiengänge in Deutschland sind anscheinend in einer Krise. Dass jetzt die Journalistik in Leipzig umgebaut wird, ist da nur ein weiterer Schritt in die falsche Richtung und ein gutes Beispiel dafür, was mit der Journalistenausbildung an Unis los ist:

  • Viele Unis verändern ihre Ausbildung immer mehr zur PR, weg vom reinen Journalismus.
  • Und Verlage erkennen die journalistische Ausbildung an Universitäten oft nicht an.

Was in Leipzig passiert, ist ein gutes Beispiel für Punkt 1. Eine anerkannte universitäre Journalistenausbildung wechselt die Seiten und bildet bald lieber PR-Fachleute als Journalisten aus. In den meisten Fällen stehen Journalisten und PR-Fachleute eben auf zwei verschiedenen Seiten der Berichterstattung, auch wenn diese Grenzen zunehmend verschwimmen. Wenn eine gut funktionierende Uni-Ausbildung dann einen „Seitenwechsel“ macht, sollte man darüber nachdenken.

Der Leipziger (und andere) Richtungswechsel zur PR sind aber nur ein Indikator, nicht die Ursache, der Entwicklung in der Journalistenausbildung.

Ein Grund für den Schwenk vom Journalismus zur PR ist sicher, dass Verlage den Unis weniger Drittmittel einbringen, als die (Werbe-)Wirtschaft. Aber im „Seitenwechsel“ spiegelt sich auch wieder, dass Studienanfänger seltener Journalisten werden wollen und lieber als Pressesprecher und in der PR arbeiten möchten. Auch mein eigener Studiengang lockt zunehmend mehr Leute an, die später in der PR landen wollen. Journalisten haben keinen besonders guten Ruf, die gesellschaftliche Rolle des Journalismus gilt immer weniger, Journalisten verdienen im Vergleich schlechter.

Womit ich wieder bei den Verlagen wäre.  Die sind wohl nicht so stark an einer universitären Journalistenausbildung interessiert wie die PR-Wirtschaft an studierten Kommunikationsexperten. Auch wenn die Verlage inzwichen mitbekommen haben dürften, dass viele ihrer Personalabteilungen gezielt nach Nachwuchs suchen müssen.

Viele Verlage halten trotzdem nichts von Journalistik-Studiegängen. Detlef Esslinger hat das vor einiger Zeit auf den Punkt gebracht:

Wer Journalistik studiert, ist anschließend Fachmann in nichts.

Aber wer Journalist werden will, sollte irgendwie alles können, wie Björn Sievers das schön zusammenfasst:

Das Dilemma der Journalistenausbildung ist: Journalisten sollten Physiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Politologen oder Historiker sein, die das traditionelle Handwerk ebenso wie die neuen Kulturtechnik der Medien- und Kommunikationswelt beherrschen. Nur das ist kaum in einer Ausbildung zu vermitteln.

Also muss man mit irgendeinem Teil dieses umfangreichen Lehrplans im Studium beginnen. Warum nicht zuerst etwas Journalistik?

Wer sich aber Ausschreibungen von journalistischen Volontariaten ansieht, merkt, dass Verlage am liebsten studierte Biologen oder Wirtschaftswissenschaftler oder Mediziner einstellen – Fachleute eben. Idealerweise sollten die auch schon perfekt schreiben können und mehrere journalistische Praktika haben. Die praktische Ausbildung liefern die Verlage selbst, im Volontariat. Dieser Weg hat seine Berechtigung. Wer sich in seinem Feld gut auskennt, schreiben kann und einige Praktika hinter sich hat, kann Redaktionen gut ergänzen. Doch Journalismus sollte nicht wieder zu einem reinen Berufsfeld der Quereinsteiger werden, wie es vor dreißig Jahren war. Und man kann eben nicht von jedem 20-Jährigen erwarten, dass er sich schon mit dem Studium für ein Thema spezialisiert.

Verlage, die so denken, verkennen nicht nur, wie gut an einigen deutschen Unis gearbeitet wird. Wenn sie nur ungern Journalistik-Studenten einstellen, ist das auch etwas einseitig gedacht. Nach wie vor bewerten deutsche Chefredakteure praktisches Können, Recherchekenntnisse und vor allem „eine gute Schreibe“ als wichtigstes Kriterium für einen Einstieg in den Journalismus. Und der Nachwuchs sollte gut auf Neuerungen im Medienmarkt reagieren können.

Journalistik-Studiengänge setzten genau diese Chefredakteurs-Forderungen um.

Sie stehen für journalistische Qualität, die Verlage ja so gerne fordern. Und ein Journalistik-Studium ist eben doch ein guter erster Schritt in den Journalismus. Einer von mehreren möglichen, aber ein guter. Die Absolventen feilen in vielen Fällen seit vielen Jahren an ihrem journalistischen Handwerkszeug, können mit vielen der journalistisch bedeutsamen Techniken schon routiniert umgehen und wissen, dass sie sich noch auf viele Neuerungen einstellen müssen. Das bringt ein studierten Jurist oder Physiker in diesem Umfang eben nicht mit. Die fachliche Spezialisierung von Journalisik-Absolventen kann auf die praktische journalistische Ausbildung folgen – vielleicht weniger vertieft als im Studium, aber gezielt in einem Feld, das die eigene Redaktion und das eigene Themengebiet ergänzt.

Und wer sagt, dass Journalistik-Studenten nach ihrem Studium nichts können außer das Wort Kommunikation auf 30 Arten zu definieren?

Sie befassen sich ja seit Studienbeginn fast täglich damit, was der Medienmarkt sich wünscht. Viele besuchen ohnehin neben ihrem journalistischen Studium Vorlesungen in anderen Fächern, um sich eine breite Allgemeinbildung anzueignen oder arbeiten gezielt an einer Spezialisierung, auch außerhalb des Studiums. Und sie arbeiten im Idealfall seit vielen Jahren intensiv als Freie bei verschiedenen Medien. Viele Verlage und Chefredakteure wollen das anscheinend nicht anerkennen.

In den USA sind Journalistik-Studiengänge etabliert und anerkannt, gerade wegen ihrer praktischen Ausbildung und weil sie für eine Professionalisierung des Journalismus stehen. Die Sender und Verlage setzen sich in den USA sogar aktiv dafür ein, dass dieser Praxisbezug hoch bleibt. Und sie kooperieren eng mit den Unis.

Das fehlt dem deutschen System. Unis und Verlage müssen kooperieren. Unis müssen den Verlagen ihre Stärken in der Journalistenausbildung klar machen, Verlage müssen die Fähigkeiten gezielt einfordern, die sie von Absolventen erwarten. Die Verlage sollten ein eigenes Interesse daran haben. Journalismus ist eben nur noch für engagierte Idealisten ein Traumberuf. Das haben die Verlage anscheinend auch noch nicht so ganz mitbekommen.

Wenn die Verlage trotz allem wirklich kein Interesse mehr an Leute haben, die sich mit journalistischen Kulturtechniken auskennen, den Medienbereich seit Jahren studieren, seit Jahren journalistisch arbeiten, seit Studienbeginn „darauf hinarbeiten, im Journalismus zu landen“ und nur noch eine fachliche Spezialisierung suchen, dann sollten sie wenigsten fair sein. Dann sollten die Verlage einfach mal zu den Unis gehen und sagen, dass sie das mit der Journalistenausbildung ab jetzt lassen sollen. Dann können alle Unis dem Beispiel Leipzig folgen.

Etwas Literatur:

Michael Harnischmacher (2010): Journalistenausbildung im Wandel. In: Communicatio Socialis, Jg. 43, S. 349-367.

Thomas Schnedler (2006): Getrennte Welten? Journalismus und PR in Deutschland.

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4 Kommentare on “Ein leeres Studium zum Nicht-Experten?”

  1. medienpraxis sagt:

    Gut auf den Punkt gebracht! In vielen Redaktionen wird die Journalistik-Ausbildung deutscher Unis wenig gewürdigt – zum einen, weil es inzwischen sehr viele Medien-/Kommunikationswissenschafts-/Journalismus-Angebote an den Hochschulen gibt und man deren Qualität oft nicht einschätzen kann, zum anderen weil die Meinung herrscht, dass der Journalist alles Wesentliche eigentlich im Volo erfährt.
    Zur Leipziger Uni vielleicht noch folgender Gedanke: Schon seit Jahren wird darüber geredet, dass im Bereich PR- und Öffentlichkeitsarbeit der Personalbedarf höher ist als in Verlagen und Funkhäusern. Die Krise der Printmedien tut ihr übriges. Außerdem gibt es für Journalisten hier in Ostdeutschland erheblich weniger Arbeitsmöglichkeiten als in westlichen Bundesländern. Leipzig hat zwar den MDR und ein paar private Radiosender – doch von einer echten Medienszene kann man hier kaum sprechen.

  2. Amartholion sagt:

    Schön, dass Sie alle Kritikpunkte an der universitären Journalistikausbildung aufgezählt haben, so ziemlich mit allen Stimme ich überein. Auch mir wurde von Journalisten geraten eben keinen Journalistik-Bachelor zu machen sondern erst einen fachlichen Schwerpunkt zu setzen.
    Aber die meisten Punkte betreffen den Masterstudiengang Journalistik in Leipzig nur teilweise. Im Gegensatz zu anderen Unis, wie z.B. Dortmund, ist der Studiengang nicht konsekutiv. Das bedeutet die Leute die ihn studieren haben ein Bachelorstudium in einem anderen Fach absolviert. Ich z.B. habe meinen BA in Geschiche gemacht. Leute mit einem BA in Medien- oder Kommunikationswissenschaft können den Master Journalistik nicht studieren. Wir sind also durchaus nicht „Fachleute im Nichts“.
    Auch mit den Volontariaten sieht es für Leipziger Journalistikstudenten gut aus. Wer es durch die Aufnahmeprüfung schafft und sich immatrikuliert kann sicher sein, dass er ein Volo bekommt, da es FEST im Studiengang vorgeschrieben ist. Dazu hat die Journalistik feste Vereinbarungen über Volostellen mit Verlagen, sowie Radio- und Fernsehsender in ganz Deutschland.

    Das was gerade in Leipzig passiert hat wenig mit der schlechten Annahme des Studiengangs seitens der Verlage usw. zu tun. Mir kommt es eher so vor als sollten noch alte Rechnungen beglichen werden, zumal, sich der derzeitige Journalistik Prof. im Institut unbeliebt gemacht hat. Auch der ganze Ablauf ist eine reine Farce. Der Plan wurde zwischen Weihnachten und Silvester durchgezogen und die Studenten und der Mittelbau wurden im Neuen Jahr vor vollendete Tatsachen gestellt. Dabei wurden auch viele Fristen nicht eingehalten.
    Im Endeffekt sehe ich hier keinen Krieg der Weltanschauungen im Sinne von „Werber vs. Journalisten“ sondern das übliche Posten- und Einflussgeschacher an einer deutschen Universität.

    LG
    Ama
    Student im Master Journalistik

    • Daniel Stahl sagt:

      Ama, danke für ein paar Leipziger Insights.
      Für mich war der „Umbau“ in Leipzig auch tatsächlich eher ein Anlass, meine allgemeinen Gedanken zum Thema Journalistenausbildung an Unis aufzuschreiben. Dass in Leipzig da gerade noch ein paar andere Komponenten in den Prozess hineinspielen, ist klar.
      Die Tendenz führt aber auch in Leipzig, egal unter welchen Umständen, weg vom Journalismus und hin zur PR. Wie es sich auch an einigen anderen Orten und in der Branche insgesamt oft abzeichnet. Und wäre der Studiegang wirklich sooo wichtig und angesehen, würde jetzt wohl die Uni-Rektorin ein Machtwort sprechen. Oder sehe ich das falsch?

      • Amartholion sagt:

        Die neue Rektorin ist ja noch garnicht im Amt und der Prozess ist noch nicht so weit fortgeschritten, wie es durch den ZEIT-Artikel den anschein hat. Wirklich beschlossen wurden die Sachen innerhalb des Instituts erst gestern Nachmittag. Als nächstes kommt der Fakultätsrat (ich glaub am 25.1.), wenn der nicht zustimmt war alles nur heisse Luft. Irgendwann landet das alles dann auch beim Rektorat und dann wird über einstampfen und nicht einstampfen entschieden.


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