Wikileaks deckt auf: Auch Diplomaten tratschen

Das Netzt füllt sich rasant mit Satire über Wikileaks. Die bis gestern noch ach so erhabene Plattform ist seit heute auch nur noch eine Online-Plattform unter vielen. Das Aufdecker-Image ist angekratzt. Denn was Wikileaks dieses Mal unter das globale Volk bringt, ist anscheinend vor allem eines: Diplomatenklatsch und -tratsch.

„Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Seehofer gilt bei den Amerikanern als Populist. Außenpolitisch sei er weitgehend ahnungslos.“ Das lernt man also in den Dokumenten, steht auf Zeit-Online. Für solche hochkomplexen Einschätzungen beschäftigen die Amerikaner einen Diplomatenstab in aller Welt. Das hätten sie sich sparen können. Solche brisanten Analysen könnte jeder schreiben, der fünf Tage lang Artikel über Seehofer im Münchner Merkur auswertet. Nichts Neues also.

Beim Guardian lernen wir, dass Washingtons Geheimdienstler Informationen über Ban Ki-moon und viele viele andere hochrangige Politiker aus aller Welt sammeln. Doof für Washington, dass man das jetzt auch mal mehr oder weniger offiziell lesen kann. Aber auch vorher hat man keinen ausgewiesenen Verschwörungstheorie-Experten gebraucht, um sich etwas in der Art selbst auszudenken. Wozu unterhält Amerika schließlich seine Gemeindienste? Mit irgendetwas müssen die sich auch beschäftigen.

Hochnäsige US-Diplomaten

Es ist nicht schön, wie verächtlich amerikanische Diplomaten anscheinend über Regierungen in der Welt plaudern, wenn sie sich unabgehört fühlen. Da ist wohl eine dicke Entschuldigung fällig. Das ist klar. Und für die US-Diplomaten in aller Welt werden die nächsten Wochen sicher nicht lustig, wenn keiner mehr mit ihnen redet. Aber ist sonst etwas weltbewegendes passiert? Nicht wirklich. Wer weiß denn schon, was der deutsche Botschafter Angela Merkel am Telefon über Barack Obama erzählt? Und wer will es schon wissen?

Außerdem gehört es ja wohl zum Job eines Regierungsmitarbeiter im Ausland, den Behörden in der Heimat zu berichten, wie man die Mächtigen in anderen Ländern erlebt. Und wenn Angela Merkel eben das Risiko meidet, warum sollten Diplomaten dann etwas anderes nach Hause telefonieren?

Es gibt Spannenderes

Die Nachrichtenseiten überschlagen sich im Moment geradezu mit Meldungen darüber, was Wikileaks uns Neues beschert hat. Doch das dürfte auch bald abflachen. So recht wissen die Nachrichteportale schon jetzt nicht, was sie über die neuen Leaks erzählen sollen. Alle zählen fleißig auf, was die US-Diplomaten über diesen und jenen Politiker denken. Aber sonst? Was soll man auch noch schreiben?

Nach den vielen Meldungen hätte man Enthüllungen von einem ganz anderen Kaliber erwartet. Doch außer den kleinen Kreis der Diplomaten in aller Welt, werden die vermeintlichen Enthüllungen kaum jemanden nachhaltig beschäftigen. Über Twitter fragen sich viele bereits zurecht, was die Aufregung der letzten Tage über die bevorstehenden Wikileaks-Enthüllungen sollte. Selbst auf kommentierfreudigen Seiten oder Medien-Blogs wie Carta oder Medial-Digital ist Wikileaks nur eine Randnotiz.

Der Spiegel (wie auch viele andere Medien) nutzt die neuesten Leaks trotzdem ausführlich zur Selbstwerbung, präsentiert sie auf seinem Titel, spielt sie anscheinend vorab Anne Will zu, wirbt mit den Enthüllungen um neue Abonnenten. Dabei ist die journalistische Leistung des Spiegels keine übermenschliche. Das Magazin hat genug Renommee, um von Wikileaks als würdig erachtet worden zu sein, die Diplomaten-Dokumente vorab zu erhalten. Das war es auch. Die Daten haben die Grafiker dann in vielen bunten Bildchen aufbereitet. Aber es gäbe sicher Wichtigeres, als Diplomatentratsch zur großen Sensation aufzuplustern.

Wikileaks, was nun?

Spannender als die neuen Leaks selbst ist die Situation bei Wikileaks. Warum verbreitet die Organisation mehr oder weniger aussagekräftigen Klatsch und Tratsch? Mit welchem Ziel veröffentlich Wikileaks solche Informationen, ohne erkennbare Kriterien an einige große Medien gestreut? Kann es sein, dass sich die Organisation inzwischen an ihrem eigenen Ruf berauscht? Kommt sie mit den neuesten Veröffentlichungen der Sensationsgier nach, die sie selbst gestartet hat, jetzt aber inhatlich nicht mehr wirklich bedienen kann?

Das dürfte es wohl mit Wikileaks gewesen sein, wenn die nächsten vermeintlichen Enthüllungen nicht mehr Substanz haben. Leaken ist eben auch nicht mehr das, was es mal war.

Als nächstes enthüllt die Organisation dann in einer sensationellen Aktion die Farbe der Servietten und des Brautkleids bei der Royals-Hochzeit von Kate und William, exklusiver Partner in Deutschland wird dann die Bunte sein.

Das beste an den neuen Leaks? Die Satire darüber

Satire über die Wikileaks gibt es im Web schon jetzt an allen Ecken zu finden. Die Sprengkraft der ersten Wikileaks-Veröffentlichungen erreicht der Diplomatentratsch nicht mehr. Jetzt kann man sich endlich auch darüber lustig machen.

„Geheime Quallen haben uns, vom Weltfrieden-Investigativ-Team, Papiere zugespielt“, schreibt Bloggen für den Weltfrieden zum Beispiel und veröffentlich dazu gleich noch ein paar super-tolle-süße Grafiken. Und: Guttenberg? „Wird für sehr frisiert gehalten. So wie seine Frau übrigens auch. Nur weniger kompetent.“ Genial!

An anderer Stelle kann man schon lernen, dass Putin als Badman enttarnt wurde.

Ich werde jetzt mal fleißig die besten Wikileaks-Satiren sammeln.

Ein Nachtrag

Ist zwar nicht meines, aber das hier könnte glatt mein Fazit der Wikileaks-Geschichte sein. Und zu guter Letzt sollte man auch noch das hier lesen.

FIN

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7 Kommentare on “Wikileaks deckt auf: Auch Diplomaten tratschen”

  1. Nicole sagt:

    Genauso gut könnte ich analysieren, wie oft sich Angela Merkel täglich den Arsch abputzt…ich wäre übrigends sehr gespannt, was die Russen so über die Politiker der Welt denken:))

  2. Jens Best sagt:

    Die Arroganz kleiner Blogger. Herrlich.

    Die Bespitzelung von UN-Mitarbeiter, Koreas Raketenlieferungen an Iran, die historisch gesehen verwunderliche Zurückhaltung, wenn Saudis und Israelis eine Bombardierung Iran dringend fordern, und und und.

    Kann ja sein, dass sich manch armes Verschwörungsmännlein das alles schon immer gedacht hat, Aber es ist halt doch etwas anderes, wenn man dokumenten-basiert nachhaken kann.
    Kann ja sein, dass die sich mit „irgendwas beschäftigen müssen“, aber warum dann diese Doppelzüngigkeit. Welches Verständnis von „praktischer“ Wahrheit liegt da vor?

    Teilweise neue Informationen, teilweise interessante Bestätigungen von Vermutungen – insgesamt jede Menge Material also, mit dem man (z.B. echte Journalisten) zu neuen Fragen und Nachforschungen ansetzen kann.

    Insgesamt sicher die in ihrer konzentrierten Aufdeckung ödeste File-Sammlung bis jetzt, aber definitiv nicht so uninteressant wie du jetzt mal meinst mainstreaming rumblökken zu können.

    • Daniel Stahl sagt:

      Das ist kein Rumblöken, denke ich. Aber ich muss dir Recht geben, dass es ein enttäuschter Schnellschuss war. Es ist die Enttäuschung über den Hype vor der Veröffentlichung der Dokumente und die dann sehr boulevardeske und kleingeistig deutschlandfixierte erste Aufbearbeitungswelle vieler deutschen Medien.
      Ja, wer ausländische Medien liest, erfährt inzwischen sehr viel darüber, was in den „Kabeln“ auch steht (siehe mein Nachtrag). Und ja, es ist extrem interessant, dass Israel z.B. anscheinend trotz großer Drohgebärden noch nie wirklich den Iran angreifen wollte.
      Gestern Abenda hätte ich schon anders gebloggt, stimmt. Bleibt aber weiterhin die extreme Undurchsichtigkeit der Aktion seitens Wikileaks und trotzdem viel Klatsch und Tratsch.
      PS. Ein bisschen arrogent ist auch, „echte Journalisten“ zu schreiben.

  3. […] entscheiden, was relevant ist sondern alle.Cablegate wurde mit Klatsch und Tratsch über Promis verglichen.Dem stimme ich zu. Doch geht es in dem Fall nicht um Einzelpersonen, die in der Öffentlichkeit […]

  4. […] wurde. Eine gute Zusam­men­fas­sung bringt hier Daniel Stahl in sei­nem Blog unter dem Titel Wiki­leaks deckt auf: Auch Diplo­ma­ten trat­schen .  Wie man sati­risch direkt zum Gegen­an­griff auf Wiki­leaks und damit letzt­lich auf […]


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