Mein Abgesang auf den E-Post-Brief

Foto: flickr.com/Éole

E-Post-Brief, was läuft da schief? Foto: flickr.com/Éole

Die im Folgenden geschilderten Abläufe und Ereignisse sind aus dem Gedächtnis rekonstruiert. Etwaige Übertreibungen sind nicht bewusst gewählt, können aber nach gefühlt 100 E-Post-Brief-Anmeldeschritten nicht ausgeschlossen werden.

Ouvertüre

Am Ende ist man ja oft schlauer. Als ich vor einer gefühlt sehr langen Zeit einen Artikel über den neuen E-Post-Brief gelesen habe, klang das nach einer gut durchdachten Sache. Die Post bietet jetzt sichere super-verschlüsselte verbindliche E-Mail an, ja endlich. Eine dieser Innovationen, die beleuchten, wie weitblickend Erfinder und Zukunftsgestalter wirklich sein müssen. Eine dieser Sachen, bei denen man sich gleich die Haare rauft, weil man auf diese Idee nicht selbst gekommen ist. Plötzlich klingt es logisch, dass wir in fünf Jahren alle nur noch super-sichere E-Mail verschicken. Und dann lachen wir alle über die Mailanbieter von früher. Lauthals lachen wir. E-Mail ohne super-sicher Verschlüsselung, fragt dann in fünf Jahren einer. So was von 2010, prusten dann alle in der super-sicher verschlüsselten Zukunft.

Exposition

E-Post-Brief, brauche ich. Her damit. Einmal bin ich auch ein Web-Pionier. Soll ja nicht immer so ausgehen, dass jemand den eigenen Namen wegschnappt. Davon hatte ich lange ein verstärktes Kindheitstrauma, wie ja jeder zweite Deutsche.  danielstahl@irgendwas gab es nämlich nicht mehr, als ich endlich ein Modem hatte und meine eigene Mail-Adresse einrichten wollte. Alles war schon vergeben. Eine meiner ersten (schon lange gelöschten) E-Mail-Adressen lautete deshalb kuddeln(at)gmx.net (Kutteln sind übrigens ein Gericht, das man aus dem Pansen von Wiederkäuern zubereitet). Und man denke an die vielen anderen Leute, die ihren Namen nicht mehr als E-Mail-Adresse bekommen haben. opellover(at)irgendwas und schnapsi(at)wasanderes und dubbel(at)dingsda und wie sie alle heißen. Billige Mailadressen ohne den eigenen Namen? So was von 1998.

Durchführung

Das passiert mir dieses Mal nicht. Eine E-Post-Brief-Adresse muss her. Ich war so scharf drauf, ich habe nicht einmal angefangen zu grübeln, als mein Name doch schon weg war. Nichts mit danielstahl(at)E-Post-Brief. Was solls. Wer die Zukunft nicht mitmacht, verpasst sie. Keine eigene E-Post-Adresse haben? So was von 2009.

Anmelden! Auch wenn das gar nicht so leicht ist. Erst die üblichen Masken ausfüllen. Geburtsdatum gibt man gerne her, ist ja alles extra sicher hier. Um die Anmeldung abzuschließen bekommt man eine PIN-Nummer per SMS. Beeindruckend, wie modern und super-codiert doch meine neue Mailadresse sein wird. Ich bin neidisch auf den Daniel in der Zukunft, der die Adresse dann benutzen kann. Später liegt ein Brief in meinem Snail-Mail-Offline-Briefkasten, mit noch einer PIN. Aha, Sicherheit wird hier noch groß geschrieben, in echten Briefen. Und dann noch eine SMS. So verschlüsselt sind die sicher nicht mal bei der Raketenabwehr der NATO. Super. PINs per SMS? So was von Zukunft.

Scherzo

Aber irgendwann will man die neue super verbindliche Mailadresse auch benutzen. Geht aber noch nicht. Ich bekomme einen Barcode, mit dem ich mich in einer Postfiliale melden muss und am besten noch meine Fersenhaut scannen lassen soll. Könnte ja sonst jeder kommen. In der Nacht darauf klingelt dann ganz verstohlen jemand bei mir zu Hause ein geheimes Klingezeichen und ich muss ihm durch die Sprechanlage einen vertraulichen Code ins Ohr flüstern zur Bestätigung meiner Adresse. Als Quittung hinterlässt er in meinem Briefkasten eine Nachricht – mit Zitronentinte geschrieben. Jetzt reicht es irgendwann mit der Sicherheit. Was kann ich denn mit einer Mailadresse machen, die sicherer ist, als das Amen in der Kirche? Ich habe doch nicht vor, mit dem Kreml oder mit Untergrundrebellen in Mozambique zu korrespondieren. Ich will doch nur mailen. Sichere E-Mail? Ist das wirklich so was von futuristisch?

Intermezzo

Und dann hat sie mich getroffen. Die große Frage. Wem schicke ich denn überhaupt super-verschlüsselte Mails? Meiner Mama, wenn ich ihr schreibe, dass die neue Bettdecke bei Tchibo schon ausverkauft ist? „Liebe Mama, damit du diese Nachricht lesen kannst, musst du zuerst in Morsescode Lichtzeichen zur nächsten Postfiliale schicken.“ Und welche Mail ist denn in meinem Leben so wichtig, dass sie mit mehr Schlössern gesichert sein muss als ein schickes Loft-Apartement mitten in Manhattan? Die Entschuldigung an meinen Professor, weil ich im Seminar gefehlt habe? „Lieber Herr Professor, bitte registrieren Sie ihre Fingerabdrücke in einer Postfiliale, damit Sie meine Entschuldigung lesen können.“ Super verschlüsselte E-Mail? Das ist so was von übertrieben.

Reprise

Ich hatte die E-Post-Brief-Idee schon aufgegeben. Ich hab das mal überprüft. Anscheinend habe ich mich im Juni für den E-Post-Brief angemeldet. Hat ja jetzt nur ein knappes halbes Jahr gedauert. In der Zeit hätte ich mich unkomplizierter in das Mailprogramm des Außenministeriums eingehackt.

Aber dann kam eine Erinnerung: Vor ein paar Tagen erreichte mich der finale Brief. Der Brief, der meine Anmeldung tatsächlich vollenden würde und mich in den Kreis der vollständig verschlüsselt verschickenden Zukunftsmenschen aufnehmen würde. Nur noch diesen einen Code eingeben. Es wurde nochmal spannend. An alles hat die Post gedacht. Selbst Menschen wie mich, die im langen Anmeldeprozess die Hoffnung auf eine besser verschlüsselte Zukunft schon aufgegeben hatten, holt sie mit einem letzten Brief zum Glauben zurück.

Doch trotz SSL-Verschlüsselung und klügster Geheimhaltung, vor einer Sache war ich trotzdem nicht geschützt: Ich habe in einem halben Jahr Anmeldeprozess mein Passwort vergessen.

E-Post-Brief? Das ist so was von 2010. Und zum Glück ist bald 2011.

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